„Alles wird gut.“ Es gibt kaum einen Satz, der schmerzhafter sein kann. Ich finde, wir dürfen ihn uns abgewöhnen. Warum? Er ist eine Floskel, die in erster Linie folgende Funktion hat: Sie schützt uns selbst vor Schmerz, indem sie abwiegelt. Wir benutzen sie, wenn sich jemand schlecht fühlt, um zu „trösten“.
- Jemand hat gerade einen geliebten Menschen verloren.
- Sie hat eine schlimme Diagnose erhalten.
- Oder sein Leben liegt aus einem anderen Grund gerade in Trümmern.
Dann sagt eine, die es gut meint: „Alles wird gut.“
Was drückt das aus?
- „Bitte sei schnell wieder okay.“
- „Dein Schmerz macht mich hilflos.“
- „So, wie du dich gerade fühlst, solltest du nicht sein.“
Wenn du selbst leidest, willst du in der Regel auch keine Lösung, flache Aufmunterung oder einen schnellen Fix. Du möchtest erst einmal gesehen, gehört und verstanden werden.
Du brauchst dann jemanden, der oder die einen Moment bei dir bleibt und anerkennt:
- „Ja, das ist gerade schwer.“
- „Ja, das tut weh.“
- „Ja, ich sehe deinen Schmerz.“
Warum „Alles wird gut“ kein Trost ist
Der Satz: „Alles wird gut“ verneint den akuten Zustand. Er trennt und Trennung schmerzt, besonders dann, wenn gerade Verbindung gefragt ist.
Echte Verbindung passiert nicht durch Allgemeinplätze oder einen Versuch zu reparieren, was gerade nicht zu reparieren ist. Echte Verbindung entsteht durch das Dableiben und Aushalten. Und sei es nur eine Minute lang.
Das Problem ist, dass viele von uns nicht gelernt haben, den Schmerz eines anderen auszuhalten, ohne irgendetwas dagegen zu tun.
Manchmal ist das größte Geschenk, das du einem Menschen machen kannst, nicht die richtigen Worte zu finden, sondern den Mut zu haben, sprachlos neben ihm zu sitzen.
Bei den eigenen Kindern fällt mir das schwer
Beispiel: Meiner Tochter geht es schlecht, nichts Großes, irgendetwas ist schiefgelaufen. Sie wettert und weint. Das ist für mich unendlich schwer auszuhalten. Alles in mir möchte ihren Schmerz beenden. Aber das will sie gar nicht. Sie will ihren Unmut einfach nur teilen und loswerden.
Meine Schwierigkeiten bekommen meine Kinder natürlich mit und gehen eher zu ihrem Vater, der das besser aushält als ich.

Bei meinen Hortkindern fällt es mir leichter, einfach nur den Raum zu halten. Ich frage nach und bin da, kommentiere nicht und gebe keine Weisheiten von mir. Das entspannt die Situation.
Bei jüngeren Kindern ist das aktuelle Befinden meist eine Momentaufnahme:
- Der Tag war einfach blöd
- Ich bin traurig
- Ich habe mich mit meiner Freundin gestritten
Kinder wollen gesehen werden und sich mitteilen, wie alle anderen auch. Ich mache nur Vorschläge, etwas Konkretes zu tun, wenn sie mich danach fragen. Das machen sie interessanterweise nur ganz selten. Nach einem kurzen Gespräch, in dem ich zuhöre, geht es ihnen oft deutlich besser.
Beispiel
Eine alte Dame erzählte mir, dass sie vor einem Jahr ihren Mann verloren hatte und ihre Freunde und Familie meinten, sie müsse nun langsam zum normalen Leben zurückkehren. Sie bekam viele Floskeln zu hören, wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ und ähnliche Allgemeinplätze.
Sie meinte: „Ich habe meinen Lebenspartner verloren, mit dem ich über 50 Jahre verbracht habe. Darf ich denn nicht trauern? Ich weiß, es wird nie wieder so wie vorher, und das ist in Ordnung so. Meine Freunde tun mir mit diesen Bemerkungen weh.“
Sie ist eine gestandene Frau und ich erlebe sie nicht als Jammerlappen. Sie wird durch diese wohlmeinenden Beschwichtigungen verletzt. Dabei will sie nur gesehen und gehört werden in ihrem Schmerz. Mehr erwartet sie nicht. Und nicht einmal das bekommt sie.
Trauer darf sein
Ich habe ihr geantwortet, dass das natürlich in Ordnung sei und ihr zugehört. Wie soll es auch anders gehen? Sie war erleichtert, denn sie fühlte sich nicht mehr unverstanden und falsch.
Wie du Trauernden wirklich beistehst
Sei da und halte den Raum. Wenn dir das zu viel ist, gehe offen damit um. Auch damit zeigst, du, dass du dein Gegenüber anerkennst. Gerade deine Ehrlichkeit schafft mehr Nähe als jede oberflächliche Bemerkung.
Trauern ist Heilung und gehört dazu. Jeder Mensch hat seine eigene Art zu trauern. Die solltest du akzeptieren, solange es keinen Grund für Sorge wegen einer psychischen Erkrankung oder anderen potenziell lebensbedrohlichen Umständen gibt. Dann bist du gehalten einzugreifen.

Was du statt „Alles wird gut“ sagen kannst
Wenn jemand gerade einen Verlust oder Schock erlebt hat
- Das tut mir unendlich leid.
- Ich bin bei dir.
- Ich kann nur ahnen, wie schwer das für dich sein muss.
- Ich wünschte, ich könnte dir den Schmerz nehmen.
- Du musst das nicht alleine tragen.
Wenn du gar nicht weißt, was du sagen sollst
- Ich finde keine passenden Worte.
- Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
- Auch ohne Worte möchte ich bei dir sein.
- Ich gehe nicht weg.
Wenn jemand einfach erzählen möchte
- Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?
- Wie geht es dir gerade damit?
- Was ist im Moment am schwersten?
- Ich höre dir zu.
- Erzähl so viel oder so wenig, wie du möchtest.
Gefühle bezeugen
- Es ist verständlich, dass du traurig bist.
- Das ist wirklich schwer.
- Du musst gerade nicht stark sein.
- Alles, was du gerade fühlst, darf da sein.
- Ich sehe, wie weh dir das tut.
Wenn du konkrete Hilfe anbieten möchtest
- Was würde dir heute ein kleines bisschen helfen?
- Kann ich dir etwas abnehmen?
- Soll ich einfach bei dir bleiben?
- Möchtest du reden oder lieber schweigen?
- Darf ich dich morgen noch einmal anrufen?
Manchmal reicht ein einziger Satz
- Ich bin da.
- Du bist nicht alleine.
- Ich halte das mit dir aus.
- Wir müssen das jetzt nicht lösen.
- Ich bleibe einen Moment bei dir.
Der größte Irrtum ist, dass wir glauben, wir müssten die richtigen Worte finden.
Dabei wünschen sich die meisten Menschen etwas ganz anderes: jemanden, der ihren Schmerz nicht kleinredet oder reparieren will. Und idealerweise zu ihrer eigenen Hilflosigkeit steht.
Nicht die perfekten Worte sind heilsam, sondern dein Dasein.
Der Umgang mit Jammerlappen
Jammerlappen, sind Menschen, die sich oft jahrzehntelang in ihrer Opferrolle suhlen und es nicht schaffen, etwas an ihrer Situation zu ändern. Sie ziehen ihre Energie aus Anteilnahme. Dafür brauchen sie Spiegel, die sie in ihrer Rolle immer wieder bestätigen. Ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung und lasse mich nicht mehr auf die ewig gleichen Gespräche ein.
Bevor du das nächste Mal sagst: „Alles wird gut“
Das nächste Mal, wenn dir diese Floskel auf der Zunge liegt, mach bitte eine Pause und reflektiere, ob das wirklich hilfreich ist. Und was dein Gegenüber wirklich brauchen könnte.
Inspiriert zu diesem Artikel hat mich Katharina Weils Podcastepisode 67 – Das Fix-it-Syndrom: Sterbebegleitung zwischen Problemlösen und Nichtstun. Katharina veröffentlicht den Podcast Todesmutig – der Podcast rund ums Lebensende.
Sie berichtet dort über ihre Arbeit in der Palliative Care und informiert über Themen der letzten Lebensphase: den Tod, das Sterben und die Zeit danach.
Sie hat mich in Episode 77 zu antizipativer Trauer und meinem Buch interviewt, die Ende Juli erscheint.
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Bilder: ChatGPT und Depositphotos
