Weihnachten ist ein mit Erwartungen überfrachtetes Großereignis. Ärger an Weihnachten? Das kennt wahrscheinlich jeder.
Weihnachten ist nichts für Weicheier
In keiner anderen Zeit prallen so viele Erwartungen aufeinander wie an Weihnachten. Wochenlang bereiten uns Medien und Werbung auf das Fest des Friedens und des Schenkens vor: In sanftem Kerzenlicht wird im Rahmen der glücklichen Großfamilie gegessen und Geschenke ausgetauscht, über die sich alle Beteiligten außerordentlich freuen.
Realitätscheck
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Großfamilie mit vielen verschiedenen Menschen, die alle unterschiedliche Leben führen, blind verstehen?
Hand aufs Herz. Wie sind deine Erwartungen für dieses Weihnachten?
Weihnachts-Erfahrungen
Weihnachten bedeutet für die meisten von uns Stress, der skurrile Blüten treiben kann. Frag mal nach den Kindheitserfahrungen deiner Eltern, deiner Freunde und Kollegen. Da kommt eine große Anzahl von unglaublichen chaotischen Weihnachts-Geschichten zusammen.
Weihnachten entschärfen
Seit über 30 Jahren bin ich mit meinem Mann zusammen. Wir haben drei Kinder. Mittlerweile ist es für uns alle ein ziemlich entspanntes Fest. Für mich war das ein langer, oft nicht einfacher, Lernprozess.
Hier sechs Tipps, die sich bewährt haben:
1. In der Vorweihnachtszeit den Fuß vom Gas nehmen
Wenn die Vorweihnachtszeit anstrengend ist, dann ist das keine gute Voraussetzung für ein entspanntes Weihnachten. Seit ich mehr arbeite, gibt es weniger Weihnachtskekse und die Wohnung ist auch nicht mehr so ordentlich. Meine Kinder bekommen keine selbst gebastelten Adventskalender mehr.
Ab Kind Nr. 3 fühlte ich mich auch nicht mehr dafür zuständig, in der Schule zu backen. Zuerst hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Aktivitäten beschränkt habe. Jetzt sehe ich das als gute Investition in ein entspanntes Weihnachten.
2. Weniger Geschenke sind mehr
Ich habe gute Erfahrungen mit einer Begrenzung beim Schenken im Familien- und Freundeskreis gemacht. Die Erwachsenen in beiden Familien, mein Mann und ich haben beide drei Geschwister, verzichten schon lange auf Geschenke.
Ich gehe nicht gerne einkaufen und habe deswegen eine Liste mit Ideen, die ich im Laufe des Jahres fülle. Geschenke in der letzten Minute sind für mich Stress pur; deswegen vermeide ich das.
Hier ist dein individuelles Wohlgefühl entscheidend. Ich habe Freunde, die einen riesengroßen Spaß daran haben, in letzter Minute kreative Ideen für Geschenke zu produzieren.

3. Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation
Das allerwichtigste ist Transparenz über die individuellen Erwartungen. Was wollen alle am Fest Beteiligten? Die Kinder, die Eltern, die Großeltern, die Geschwister und die Freunde?
Wer hat welche Erwartungen und welche wollen wir umsetzen? Es ist gar nicht einfach, konkrete Erwartungen zu formulieren, da wir gerade zu Weihnachten oft ziemlich schwammig sind. Dieses unterschwellige „Ihr wisst doch …“ ist nicht hilfreich. Aussprechen bringt Klarheit, auch für die Redner.
Wenn Familienmitglieder nicht offen kommunizieren und behaupten, dass ihnen alles recht ist, nur weil sie einem einen Gefallen tun wollen, geht das nach hinten los.
Die Erwartungsklärung war ein Prozess, der bei uns einige Jahre gebraucht hat. Es hat sich gelohnt: Mit steigender Transparenz der einzelnen Erwartungen ist unser Weihnachtsfest immer entspannter geworden.
4. Reflexion: Wie kann Weihnachten stressfreier werden?
Besonders als Eltern mit Kindern solltest du dir über die eigenen Zielvorstellungen klar sein. Hier einige Fragen, die helfen können:
- Was lief bei den letzten Weihnachtsfesten gut und was nicht? Warum?
- Wie sind geschätzte familieninterne Rituale? Wie wichtig sind sie den einzelnen Familienmitgliedern und dienen sie allen noch?
- Prioritäten setzen, was ist für uns Weihnachten am allerwichtigsten? (Bei mir ist es Stressfreiheit.)
Automatismen erkennen und abstellen
Gerade Weihnachten meinen wir, dass wir Traditionen nicht sterben lassen dürfen, weil unser Fest dann gleich mit stirbt, was natürlich Unsinn ist. Wie so oft, gibt es mehr Möglichkeiten als wir denken.
Beispiel: Nur weil es immer eine Gans am 1. Weihnachtstag gab, muss das in diesem Jahr nicht genauso sein. Wenn es ohne Gans nicht geht, kannst du sie auch in einem Restaurant bestellen.
Die Hauptvoraussetzung für kreative Ideen und andere Lösungen ist, dass du offen für neue Gedanken bist. Das bist du aber nur, wenn du dir bewusst bist, dass wir an Weihnachten noch mehr im Autopiloten-Modus fahren als sonst.

5. Planung vor Weihnachten
Weihnachten tut Struktur gut. Je mehr Personen beteiligt sind, zu mehr Planung rate ich. Diese Planung sollte aber viele Freiräume beinhalten, damit nicht so schnell Druck oder Hektik aufkommt.
Die Freiräume, also das, was nicht drin steht, sind bei der Planung für Weihnachten am wichtigsten.
Wie grob oder wie detailliert deine Planung ist, kommt auf deine Präferenzen an. Hier ein paar Strukturierungs-Möglichkeiten:
- Eine Übersicht über die Beteiligten: Wer ist wann wo?
- Ein Essensplan: Wer ist zuständig und wofür? Was kann wann schon vorbereitet werden?
- Zeit für individuelle oder gemeinsamen Pausen, wie einen Film ansehen, spazieren gehen, spielen.
Ich habe gelernt, an den Weihnachtstagen möglichst keine Experimente zu machen. Entspannend ist eher das, was man kennt. Brettspiele zu spielen, obwohl man das sonst nie macht, ist zum Beispiel keine gute Idee.
Kinder brauchen besonders viel Freiraum
Kleine Kinder haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und können sich noch nicht gut selbst beschäftigen. Ich rate davon ab, ein großes Essen zu planen, das ihnen wenig Freiraum gibt. Stress ist dann vorprogrammiert.
Größere Kinder können gut in die Vorbereitungen einbezogen werden und Verantwortung für Aufgaben übernehmen. Meine Kinder greifen mir in dieser Zeit gerne unter die Arme. Auch hier gilt für mich als Chefplanerin: Klar zu sein ist das Allerwichtigste!
6. Nur du bist für dich verantwortlich
Jeder muss dafür sorgen können, dass es ihm gut geht. Das gilt auch und besonders an Weihnachten. Diese Verantwortung lässt sich nicht delegieren.
Meine Kinder merken oft vor mir, dass ich gestresst werde und fragen mich, was los ist. Dank dieses Frühwarnsystems und kann dann sofort reagieren und Druck herausnehmen.
Was tut dir gut?
- Trau dich, aus alten Strukturen auszubrechen, wenn sie dich belasten!
- Entziehe dich dem Trubel und fahr weg, wenn dir alles zu viel wird.
- Binde deine Familie ein bei den Vorbereitungen und delegiere. Bedenke dabei, dass du dann damit leben musst, dass Dinge anders gemacht werden, als du es tun würdest. Eine gute Übung in Akzeptanz!
- Ganz wichtig: Du bist nicht dafür verantwortlich, was Andere denken.
Wenn es trotzdem eskaliert
- Hole dir Hilfe beim Herunterfahren des Stresslevels.
- Nimm wahr, was Stress-Auslöser für dich sind und merke sie dir für nächstes Weihnachten.
- Erwarte nicht, dass nur, weil du in diesem Jahr ein paar Sachen änderst, kein Stress mehr entsteht.
Die Weihnachtszeit ist immer wieder ein Test für mich, der mir zeigt, welche Fortschritte ich in den letzten Jahren in meiner persönlichen Entwicklung gemacht habe.

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Bilder: privat


Ein wunderbarer Artikel, der mitten in die Realität vieler Familien trifft.
Besonders gefällt mir, wie ehrlich du über Erwartungen, Automatismen und dieses leise „Ihr wisst doch …“ schreibst, das so viel Konfliktpotenzial birgt – gerade an Weihnachten.
Vieles darin erinnert mich an meinen eigenen Weg: Stress entsteht selten am 24. selbst, sondern in den Wochen davor, wenn der Anspruch an „Perfektion“ größer wird als die eigene Kraft. Deine Tipps sind deshalb so wertvoll, weil sie nicht beschönigen, sondern entlasten:
• Fuß vom Gas – statt sich schon im Advent auszubrennen
• Weniger Geschenke, mehr Menschlichkeit
• Klar sprechen, statt Erwartungen zu erraten
• Rituale hinterfragen und neu gestalten
• Freiräume planen, damit Atmen möglich bleibt
• Und vor allem: gut für sich selbst sorgen
Gerade dieser letzte Punkt trifft für mich den Kern: Weihnachten wird entspannter, wenn wir aufhören, es allen recht machen zu wollen – und anfangen, uns selbst ernst zu nehmen.
Danke für diesen hilfreichen Beitrag voller Erfahrung und Erdung. Er erinnert daran, dass ein friedliches Fest nicht durch Perfektion entsteht, sondern durch Bewusstheit, Kommunikation und echte Nähe. 🤍
Herzlichen Dank, Barbara. Ich wünsche dir eine entspannte Vorweihnachtszeit!
Inge