Frieden ist ein Ideal. Momentan, wo wir global immer mehr Krisenherde sammeln, scheint er so weit weg zu sein wie nie. Was können wir konkret tun, um uns diesem Ideal anzunähern? Meine Idee: Uns und andere besser kennenlernen.
Zeig mir, wie Leute sich streiten und ich sage dir, welche Sorte Mensch sie sind
Du kannst Menschen sehr gut in Ausnahmesituationen kennenlernen. Wie reagieren sie, wenn etwas schiefgeht und wie verhalten sie sich in Krisensituationen? Brechen sie zusammen, werden sie aggressiv oder verteilen sie Schuldzuweisungen? Oder tun sie alles in ihrer Macht Stehende, um das Problem zu lösen?
Wir sind Raubtiere
Wir Menschen sind Raubtiere, die ganz oben in der Nahrungskette stehen. Aggression ist Teil unserer Grundausstattung und hilft uns beim Überleben. Für ein zivilisiertes Zusammenleben erschafft diese Raubtiernatur aber Probleme.
Der erste Schritt zum Frieden ist das Kennen
Wenn du weißt, dass ein Raubtier in dir schlummert, kannst du es zähmen, mit ihm umgehen und es auch mal herauslassen. Du wirst dich nicht mehr so oft überraschen mit plötzlichen Wutausbrüchen. Die passieren dann, wenn du dein Raubtier zu lange unterdrückt und mit Gefühlen genährt hast, die irgendwann explodieren. Das ist nicht schlimm oder böse, das ist einfach so.
Mache Frieden mit dir und deinen Eigenheiten. Das ist der erste Schritt. Schwieriger wird es, wenn andere Menschen mit ins Spiel kommen.
Frieden mit anderen
Konflikte sind Teil des menschlichen Zusammenlebens. Wo immer es Beziehungen gibt, gibt es Streit. Jedes Gespräch kann zu einem Missverständnis führen oder Differenzen aufdecken. Denn wir haben unterschiedliche Perspektiven und Werte. Auch und gerade in nahen Beziehungen, in der Liebe zu Kindern, Eltern, Freundinnen und Freunden bleiben wir ein Individuum mit persönlichen Eigenheiten und müssen die der anderen aushalten.
Unsichere Situationen machen Angst
Wenn du in Situationen bist, in denen du dich nicht auskennst, wirst du unsicher. Wenn du unsicher bist, kommt dein Raubtier zum Vorschein, um dich zu beschützen. Aggression und Wut verdecken dann oft die Angst. Das ist ein Überlebensmechanismus, der tief in dir steckt.
Bei einer Auseinandersetzung in der Familie ist das leider nicht hilfreich. Da stehen sich dann „Raubtiere“ im Kampfmodus gegenüber. Der Verstand hat nichts mehr zu melden und es kommt zu Verletzungen. Von Frieden keine Spur.
Wenn du deine Mechanismen besser kennenlernst, hast du die Chance, daran etwas zu ändern. Streitkultur ist eben auch Friedenskultur. Das ist der zweite Schritt.
Globaler Frieden beginnt mit Kennenlernen
Meine mittlere Tochter schickte vor kurzem ein Selfie aus Japan. Neben ihr steht eine japanische Freundin. Die beiden lachen in die Kamera und sehen dabei aus wie Schwestern, so vertraut und selbstverständlich. Meine Tochter übernachtet bei ihr und ihrer Familie in Tokio. Die beiden verstehen sich. Sie haben sich letztes Jahr in einem Hostel kennengelernt und sind in Kontakt geblieben.
In Neuseeland hat sie auch eine andere Japanerin näher kennengelernt, in ihrem Jahr Work and Travel. Als sie in einem Hostel gearbeitet hat, hätte sie ein Zimmer allein haben können. Stattdessen hat sie lieber mit dieser Freundin ein Zimmer geteilt. Vertrauen entsteht durch Begegnung.
Als ich das Bild der beiden sah, (Beitragsbild, verfremdet mit KI) musste ich an unsere Welt denken. An die vielen Konflikte, an die Kriege und an die Unsicherheit, die überall spürbar ist.
Es könnte so einfach sein
Was ich kenne, davor habe ich keine Angst. Wovor ich keine Angst habe, das macht mich nicht unsicher. Wenn ich mich sicher fühle, brauche ich niemanden zu bekämpfen. Das ist das einfache Rezept für mehr Frieden. Wie kommen wir dahin? Meine Idee dazu:
Frieden wächst mit Akzeptanz
Ich glaube das schon immer: Je besser wir uns weltweit kennen- und schätzen lernen, desto größer ist unsere Chance auf Frieden. Das ist der dritte Schritt.
Ich durfte selbst schon früh erleben, was Begegnung verändern kann. Mit 16 Jahren verbrachte ich ein Jahr in den USA. Ich lebte bei einer herzlichen Familie in der Wüste Südkaliforniens. Für mich eine völlig unbekannte Welt. Sie hatten zusammen 12 große Kinder und eine ganz andere Lebensweise als ich sie kannte. Und doch waren sie wunderbare Menschen.

Meine Gastmutter hat mit 17 ihr erstes Kind bekommen. Sieben Kinder hat sie allein großgezogen. Erst Jahre später holte sie ihren Schulabschluss nach. Das hat mich tief beeindruckt. Es hat mir gezeigt: Anders zu leben und zu denken bedeutet nicht, schlechter zu sein. Es ist einfach nur: anders. Diese Erfahrung hat mein Weltbild deutlich erweitert.
Englisch für den Frieden?
Deshalb habe ich meinen Kindern gesagt: Ihr müsst nicht Abitur machen, aber ihr solltet so gut Englisch sprechen können, dass ihr euch mit Menschen auf der ganzen Welt verständigen könnt.
Denn Sprache öffnet Räume für Verstehen und damit für Frieden.
Für mich bedeutet Englisch genau das. Ich kann mich mit Menschen aus vielen Ländern austauschen, arbeiten, lachen, diskutieren und lernen. Die Welt ist seither größer für mich und gleichzeitig viel persönlicher. Völkerverständigung ist nicht nur ein Wort, es will gelebt sein.
Auslandserfahrungen für den Frieden
Meine älteste Tochter war mit 14 Jahren drei Monate lang in Frankreich zum Schüleraustausch. Wir hatten vorher eine französische Austauschschülerin bei uns. Als meine Tochter zurückkam, sagte sie: „Mama, die haben mich in der Schule so nett aufgenommen.“
Diese Tochter ging nach dem Abitur für ein Jahr nach Kanada. Meine zweite Tochter war in Neuseeland unterwegs. Beide sind verändert zurückgekommen: reifer und selbstständiger. Und mit einem anderen Blick auf die Welt.
Frieden wächst mit Akzeptanz
Wenn du erlebst, wie Menschen in anderen Ländern leben, wie ähnlich ihre Hoffnungen und Sorgen den eigenen sind, dann bekommen die anderen ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte. Das ist für mich die effektivste Friedensarbeit.
Darum glaube ich: Wir sollten interkulturellen Austausch noch viel stärker fördern. Und zwar mit Begegnungen zwischen Menschen jeden Alters. Das kann alles Mögliche sein: Reisen, gemeinsame Projekte, kulturelle Erfahrungen.
Wir brauchen mehr Gelegenheiten, in den Schuhen von anderen zu gehen. Für ein paar Wochen, Monate oder ein Jahr. So lernen wir uns wirklich kennen und besser verstehen.
Denn jedes persönliche Kennenlernen baut eine kleine Brücke. Und viele kleine Brücken bilden eine starke Verbindung für mehr Frieden.
Frieden beginnt eben nicht in der großen Politik. Frieden beginnt im Kleinen, in der Begegnung von Individuen.
- In einem Gespräch
- In einem gemeinsamen Zimmer im Hostel
- In einer Gastfamilie am anderen Ende der Welt
Oder in einem Selfie aus Japan, auf dem zwei junge Frauen sind, die aussehen wie Schwestern, obwohl sie auf unterschiedlichen Kontinenten geboren wurden.
Wenn du deine persönlichen Mechanismen kennenlernen und entmachten möchtest, die dich immer wieder herausfordern, sprich mich an.
Das Brigitte Sauzay Programm wird vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützt: https://www.dfjw.org/programme-aus-und-fortbildungen/brigitte-sauzay-programm#1. Es ist für Jugendliche von der 8. bis zur 11. Klasse
Dieser Artikel ist Teil der Blogparade von Lydia Gajewsky. Danke für die Inspiration.
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Bilder: KI und privat


Liebe Inge,
was für eine Friedensreise … Dein Beitrag beeindruckt mich tief, weil das, was uns oft als großes, schwer erreichbares Ziel vorschwebt – Frieden – in deinen Schilderungen soviel Leichtigkeit vermittelt.
Es ist nicht leicht – das sagst du ja auch nicht – aber die einzelnen kleinen Schritte, die Möglichkeiten, die auf dem Weg zum Frieden genutzt werden können, die sind erreichbar – für jede und jeden.
Sich selbst und andere kennenlernen heißt auch, sich dem Unbekannten stellen, das Ungewohnte anschauen, entdecken wollen und Positives erwarten.
Das ist der wichtigste Schritt, glaube ich – und wenn er in Kindheit und Jugend eingeübt werden kann, wirkt er ein Leben lang.
Danke für Deinen wertvollen Beitrag zu meiner Blogparade