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Kategorie: Freiwilligen Engagement

Aus meinem Freiwilligen-Engagement: Vorurteile, Offenheit und Integration

Ich durfte mit einer Gruppe Studenten vom Verein „Beyond Borders“ im Rahmen ihres Uni-Seminars „Unlock Society“ über Vorurteile, Offenheit und Integration diskuitieren. Zur Vorbereitung habe ich mich mit diesen Themen theoretisch auseinandergesetzt. Daraus ist dieser Blogartikel entstanden.

Vorurteile, Diskriminierung, Offenheit und Integration. Nirgends werde ich mit so vielen Widersprüchlichkeiten konfrontiert wie in der Flüchtlingshilfe: Die Größe des Problems kann uns leicht überwältigen.

1. Was ist ein Vorurteil?

Ein Vorurteil ist eine Vereinfachung. Bei 4 Mrd. Sinneseindrücken in der Sekunde, von denen unser Verstand bewusst nur 7 bis 8 verarbeiten kann, brauchen und nutzen wir schnelle, automatisierte Entscheidungswege.

Unbekanntes wird von uns erst einmal als potentiell gefährlich eingestuft. Dafür ist unser ältestes Hirnteil, das Reptiliengehirn zuständig. Dieser Gehirnteil, der bei allen Säugetieren ähnlich aussieht und bei Reptilien fast das gesamte Gehirn ausmacht, unterscheidet nicht zwischen realer und möglicher Gefahr. Er hatte eine wichtige Funktion für unser Überleben, denn wenn wir jedem Säbelzahntiger freundlich begegnet wären, wären wir bestimmt schon ausgestorben.

Heute gibt es keine Säbelzahntiger mehr. Wir sehen uns trotzdem immer wieder unbekannten Situationen gegenüber, die wir automatisch mit Skepsis betrachten.

Hier einige Beispiele für Vorurteile, die mir in den letzten Wochen über den Weg gelaufen sind:

  1. Eine Freundin hat kürzlich einen neuen Vorgesetzten eingearbeitet. Als sie ihn zum ersten Mal traf und seinen osteuropäischen Akzent hörte, lief zu ihrem Entsetzen ein merkwürdiger Film bei ihr ab. Es kamen einige Vorurteile hoch, auf die sie nicht stolz und denen sie sich bisher nicht bewusst war.

Da sie daraufhin ihre höher entwickelten Gehirnteile benutzt hat, konnte sie ihre Vorurteile als solche identifizieren und sie über Bord werfen. Das wird ihr bestimmt nicht wieder passieren.

  1. Ich wollte einer dunkelhäutigen Passantin anbieten ihr zu helfen ihren Kinderwagen die Treppen runter zur U-Bahn zu tragen. Mein erster Impuls war, sie auf Englisch zu anzusprechen. Da meine höheren Gehirnregionen gerade ausnahmsweise auf Zack waren, habe ich diesen Automatismus unterdrückt und auf Deutsch gefragt. Meine Hilfe wurde dankbar angenommen, in fließendem Deutsch übrigens. Ich hatte also immer noch das Vorurteil, dass fremd aussehende Menschen unserer Sprache nicht mächtig sind! Dabei bin ich selbst so froh, wenn ich mein Isländisch an Einheimischen ausprobieren kann.

Diese Beispiele zeigen, dass wir alle Vorurteile haben. Wir haben aber auch alle höhere Gehirnregionen, mit denen wir unsere Automatismen überprüfen können. Zuerst müssen wir uns unserer Vorurteile bewusst werden, erst dann können wir sie abschaffen.

2. Was ist Diskriminierung?

Diskriminierung kommt aus dem Lateinischen und bedeutet trennen und unterscheiden. Wir verstehen diskriminieren heute eher als herabsetzen und herabwürdigen. Diskriminierung gab es schon immer. Wer anders ist wird und wurde immer schon mit Argwohn betrachtet.

Diskriminierung in den 60ern

Mein Schwiegervater ist Indonesier. Er lernte meine Schwiegermutter Anfang der 1960er Jahre kennen als er seine Doktorarbeit in Holzchemie an der Bundesforschungsanstalt in Bergedorf schrieb.

Meine Schwiegermutter berichtete, dass sie von Menschen, die in ihren Kinderwagen schauten und dort ein braunes Baby sahen, ausgeschimpft und angespuckt wurde. Das würde heutzutage, hoffe ich, nicht mehr passieren.

Diskriminierung heute

Vor ein paar Wochen war auf Facebook ein Post viral: Ein Schwarzer steht im Flughafen irgendwo in den USA am Schalter für die 1. Klasse. Eine Frau spricht ihn an und meint, dass er hier bestimmt falsch sei. Er zeigt ihr sein 1. Klasse Ticket. Sie meint, er gehöre trotzdem nicht hierher, dass er bestimmt vom Militär sei. Er meinte daraufhin zur Belustigung der Umstehenden: Ich bin viel zu dick fürs Militär, ich bin einfach nur ein Schwarzer, der Geld hat.

Mein Angst vor Diskriminierung

Als ich meinen Mann Mitte der 90er Jahre geheiratet habe, habe ich das in dem Bewusstsein getan, dass ich eventuell mit meiner Familie das Land verlassen muss, falls es zu massiven ausländerfeindlichen Stimmungen kommen sollte.

Diese Angst habe ich heute nicht mehr. Meine 3 Kinder sind nicht die Einzigen in ihren Schulklassen, denen man ausländische Gene ansieht.

3. Was verstehe ich unter Offenheit?

Offenheit hört sich grundsätzlich gut an: Offene Türen, offene Arme. Wir verbinden viel Positives damit.

Für mich gibt es keine grenzenlose Offenheit.

In Deutschland führen wir gerade wichtige Diskussionen darüber, wie wir mit der Zuwanderung umgehen sollen. Das ist auch gut so.  Jeder Einzelne von uns muss für sich entscheiden wie offen er wo sein will.

Wenn wir über unsere Grenzen gehen werden wir früher oder später unser Gegenüber für diese Grenzüberschreitungen verantwortlich machen und das schafft Konfliktpotential.

Nach meiner Erfahrung ebnet grundsätzlich offen sein ohne sich selber aus den Augen zu verlieren den Weg für wunderbare Begegnungen.

So leben wir Offenheit für Fremde in meiner Familie:

Ich habe bisher viele positive Erfahrungen mit meiner Offenheit gemacht. Nicht alle Mitglieder meiner Familie sind damit immer einverstanden, also haben wir einen Konsens erarbeitet. Sind nicht alle dafür fremde Menschen zu uns einzuladen, lassen wir die Finger davon. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt. Natürlich schaue ich mir die Menschen genau an, die ich in unser Haus lasse.

  • Im Rahmen des Kirchentages vor ein paar Jahren haben wir so eine Woche lang eine koreanische Familie bei uns beherbergt.
  • Ab und zu lassen wir Flüchtlinge bei uns übernachten, die auf Besuch bei Familie und Freunden aus der Erstaufnahme sind und dort nicht übernachten dürfen.

Für viele von meinen Freunden wäre das undenkbar und das ist auch OK so. Jeder von uns hat seine individuellen Grenzen und auf diese sollten wir auch hören, sonst erschaffen wir nur Probleme.

4. Integration

2015 haben wir fast eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben das nur geschafft weil viele Deutsche eingesprungen sind und mitgeholfen haben. Mittlerweile werden die Erstaufnahmeeinrichtungen langsam aufgelöst. Die meisten Flüchtlinge besuchen Deutschkurse. Die Intgrationsarbeit fängt aber jetzt erst richtig an.

Wie integrieren wir die Flüchtlinge? Viele Deutsche haben wie ich ihre Berührungsängste überwunden. Ich war am Anfang meiner Lehrertätigkeit unsicher wie traumatisiert meine Gegenüber wohl sind und wie ich darauf reagieren sollte. Mir hat geholfen, gemeinsam mit meinen Mitlehrern einfach loszulegen. Wir haben uns stetig ausgetauscht und sind so immer sicherer geworden.

4.1 Hilfe zur Selbsthilfe

Ich unterstütze gerne Menschen auf ihrem eigenen Weg. In meiner Praxis arbeite ich viel nach dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe. Genau so gehe ich auch mit den Flüchtlingen um.

Manche Flüchtlinge zeigen aus den unterschiedlichsten Gründen keinerlei Initiative. Ich überlege dann, inwieweit ich im Einzelfall unterstützen kann und möchte. So habe ich gerade einer Hochschwangeren aus unserer Erstaufnahme einen Kinderwagen über die großartige Hamburger Hilfsorganisation Hanseatic Help bestellt. Die Abholung hat sie dann selber übernommen.

4.2 Integration fördern

Deutsch lernen

Sprache ist für mich der Hauptschlüssel zur Integration, denn unsere Sprache transportiert unsere Kultur. Aus diesem Grund engagiere ich mich seit 2015 als Deutschlehrerin in unserer Erstaufnahme.

Patenschaften

Die Erstaufnahme schließt Ende des Jahres und ich habe mich deswegen vor kurzem entschieden, eine Patenschaft zu übernehmen. Beim Patenschaftsprogramm der Johanniter, eines der vielen die es in Hamburg gibt, vereinbaren beide Parteien sich für ein halbes Jahr zu treffen. Es wird nicht erwartet, dass ich irgendetwas Besonderes tue. Was mich nach einem Monat am meisten erstaunt ist, dass meine Partnerin mir spiegelt, wie sehr sie mein Interesse schätzt. Das „einfach da sein“ ist anscheinend das Wichtigste an einer Patenschaft.

Für meine Patenrolle habe ich mir eine alleinerziehende Mutter mit Bleiberecht ausgesucht. Sie kommt aus Nigeria und hat eine siebenmonatige Tochter.

Sport

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einigen Verantwortlichen Hamburger Sportvereine. Sie alle haben seit 2015 Programme für Flüchtlinge ins Leben gerufen.

Trotz des riesigen Papierkriegs, der nötig ist, um Fördermittel zu erhalten, quetschen sie weitere Fußballmannschaften auf ihre ohnehin schon vollen Übungsplätze. Fast überall gibt es im Moment Wartelisten und das betrifft nicht nur Flüchtlinge.

Da die Politik sich leider viel mehr für PR-trächtige Großereignisse wie den Hamburg-Marathon oder die Cyclassics interessiert, hat der Hamburger Sportbund mit seinem Engagement für den Breitensport oft einen schweren Stand.

In Hamburg wird ein ganzes Viertel neu gebaut , die Speicherstadt, ohne einen einzigen Sportplatz. Das passt nicht zusammen mit dem Konzept der Active City, das momentan überall propagiert wird. Wir brauchen schnell kreative Lösungen mit mehr Sportmöglichkeiten in unseren Städten.

Sport ist ein wunderbarer Integrator, besonders für Jugendliche und Frauen. Die vielen Freiwilligen, die sich für diese Gruppen in unseren Vereinen engagieren, verdienen meiner Meinung nach viel mehr Unterstützung.

Sehr wichtig ist gegenseitiger Respekt

Um es mit der kürzlich verstorbenen Aretha Franklin zu sagen halte ich gegenseitigen Respekt für ein wichtiges Schmiermittel unserer Gesellschaft. Wir scheinen da auf dem richtigen Weg zu sein: Ein seit 2013 in Deutschland lebender Afghane, den ich in Deutsch unterrichte erzählte mir kürzlich, dass er in Deutschland immer mit sehr viel Respekt behandelt wurde. Das war in anderen Ländern nicht so.

5. Wir sind verbunden

Ich merke immer mehr, wie wir mit allem um uns herum verbunden sind. Durch das Internet bekommen wir viel mehr mit: den Klimawandel, Vulkanausbrüche, Kriege und wachsende soziale Ungerechtigkeiten.

Viele Menschen, auch ich, können diese Verbundenheit richtiggehend fühlen. Mir wird z.B. immer wieder deutlich, dass es negative Auswirkungen auf meine Umgebung hat, wenn ich mich selbst schlecht behandele.

Einzeln fühlen wir uns oft machtlos. Doch wir unterschätzen uns. Das, was wir tun, hat einen viel größeren Einfluss als wir glauben. Es ist an uns zu fragen, in was für einer Welt wir leben wollen und anzufangen, diese selbst zu kreieren.

Mir ist es wichtig einen respektvollen, akzeptierenden Umgang in meinem Umfeld zu pflegen. Außerdem liebe ich kreative Problemlösungen. Das lebe ich und ziehe das somit auch an, sowohl live als auch digital. Erst in letzter Zeit wird mir so richtig klar, wie viel von meinen persönlichen Werten ich schon lebe.

Gemeinsam die Herausforderungen meistern

Wir sind den Herausforderungen der Zukunft, sei es durch Flüchtlinge oder den Klimawandel, nur gemeinsam gewachsen. Mir hat die Erfahrung mit den vielen freiwilligen Helfern gezeigt, was für ein riesiges gemeinschaftliches Potential wir in Deutschland haben.

Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie genau wir die Integration hinbekommen sollen. Aber wenn jeder das beiträgt, was er kann, werden wir es hinbekommen. Frei nach Barack Obama: Yes, we can!

Über den Verein Beyond Borders

Beyond Borders habe ich letzten Sommer im Rahmen eines Workcamps kennen gelernt. Sie haben in unserem Stadtteil ein Ferienprogramm mit in- und ausländischen Kindern im Grundschulalter auf die Beine gestellt. 10 internationale Studenten haben dabei mitgemacht.

Wie viel Spaß alle Beteiligten hatten, könnt Ihr in diesem Video sehen. Im März 2018 haben sie das Workcamp erfolgreich wiederholt.

Inzwischen haben die engagierten Studenten einen eingetragenen Verein mit dem Namen Beyond Borders gegründet. Zweck des Vereins ist es, einen nachhaltigen Beitrag zur Überwindung von Grenzen zu leisten, die das gesellschaftliche Miteinander beeinträchtigen. Mit dem Motto: Anpacken funktioniert am besten, wenn man auch nachdenkt. Nachdenken funktioniert am besten, wenn man auch anpackt.

Da ich ihre Arbeit auch in Zukunft aktiv unterstützen möchte, bin ich Fördermitglied geworden. Davon können die Studenten zur Unterstützung ihrer Projekte natürlich noch viel mehr gebrauchen!

Fotos: Privat und Beyond Borders

Hier geht es zu einem Artikel über meine Flüchtlingsarbeit.

© Inge Schumacher

Zeig Mitgefühl und kein Mitleid

Mitgefühl ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen.

Helfen auf Augenhöhe ist die effektivste Unterstützung. Das praktiziere ich mit meinen Klienten in meiner Energiearbeit genauso wie in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe.

Durch mein ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe habe ich in den letzten Jahren viel über das Thema Mitgefühl gelernt. Vor kurzem ist in meinem englischen Blog dazu ein Artikel von mir erschienen, Titel: Show Compassion not Pity.

Flüchtlinge in Deutschland

Als 2015 eine riesige Flüchtlingswelle Europa überrollte, nahm Deutschland innerhalb eines Jahres eine Million von ihnen auf. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht Millionen Deutsche ihre Ärmel hochgekrempelt und unkompliziert geholfen hätten.

In meinem Viertel von Hamburg wurde eines von über 30 Erstaufnahmen eröffnet. Sie bestand aus Containern. Nach monatelanger Gegenwehr einiger Anwohner konnten im Frühjahr 2016 die ersten Flüchtlinge einziehen. Betrieben wurde das Camp von den Johannitern, die von Anfang an hervorragend mit uns Freiwilligen zusammengearbeitet haben. Wir haben uns, wie so viele andere, einfach in die Arbeit gestürzt.

Es dauerte eine Weile bis wir tragfähige Strukturen geschaffen hatten. Wir stellten aber auch fest, dass uns manchmal der passende Mindset fehlte. Unter dem englischen Begriff mindset verstehe ich Denkweise oder Herangehensweise. Meine Aufgabe war die Koordination der Bildungsgruppe für Erwachsene und ich unterrichtete mit 12 Kollegen regelmäßig Deutsch.

Was war das Problem?

Unsere Schüler kamen unregelmäßig und meistens zu spät. Viele schienen überhaupt kein Interesse daran zu haben Deutsch zu lernen. Die Flüchtlinge verhielten sich definitiv nicht so, wie wir es von ihnen erwarteten! Wir dachten, die Flüchtlinge machten etwas falsch – wir fällten ein Urteil. Wir waren enttäuscht und das wirkte sich negativ auf unsere Motivation aus.

Es dauerte eine Weile bis wir unsere Einstellung geändert hatten und die teilweise Ablehnung unseres Angebots nicht mehr persönlich nahmen.

Das heißt nicht, dass wir die Entscheidung, keinen Deutschkurs zu besuchen, die einige Flüchtlinge trafen, gut fanden. Wir lernten, dass es nicht in unserer Verantwortung liegt, dass alle, denen es unserer Meinung nach gut tun würde, unser Angebot auch wahrnahmen.

Ich habe darüber mit vielen anderen Freiwilligen gesprochen. Anscheinend müssen wir alle lernen, nicht die Verantwortung für etwas zu übernehmen, dass außerhalb unseres Verantwortungsbereiches liegt.

Was ist Mitgefühl?

Für mich bedeutet Mitgefühl in erster Linie Akzeptanz. Wenn wir Mitgefühl zeigen, drücken wir damit Verständnis und Zugewandtheit aus. Wir begeben uns auf die gleiche Ebene wie unser Gegenüber und vermitteln ihm, dass er wichtig ist. Mit Mitgefühl erschaffen wir also eine Atmosphäre von Gleichberechtigung. Wir sind auf Augenhöhe.

Das finde ich besonders wichtig, wenn wir über längere Zeiträume mit Menschen arbeiten, wie in der Flüchtlingsarbeit und in der Integration.

Was ist Mitleid?

Mitleid fühlen wir, wenn uns jemand Leid tut. Dann befinden wir uns aber nicht mehr auf der gleichen Ebene mit ihm, obwohl wir uns dessen oft nicht bewusst sind. Warum?

Drücken wir Mitleid aus, bewerten wir, was diese Person denkt oder tut. Das tun wir ganz automatisch. Implizit drücken wir damit aus, dass der andere seine Realität nicht gut genug erschafft und wir es besser machen könnten. Wir agieren nicht auf Augenhöhe.

Warum ist der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid so wichtig?

In der deutschen Sprache sind sich beide Begriffe sehr ähnlich. Die Gefahr sie als Synonyme zu verwenden ist daher groß. Der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid als Einstellung ist jedoch gewaltig. Wir drücken eine ganz andere Energie aus, je nachdem, ob wir aus Mitgefühl oder aus Mitleid heraus agieren. Die Energie, die wir ausstrahlen, wird wahrgenommen und es wird darauf reagiert, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Meiner Erfahrung nach reagieren Menschen viel offener, wenn ein Hilfsangebot mit Mitgefühl und Akzeptanz verbunden ist. Menschen, die bemitleidet werden, fühlen sich nicht angenommen.

Mitgefühl ist der Schlüssel zu unserem Herzen.

Ich nenne das automatische Ausdrücken von Mitleid die Mitleidsfalle. Strahle ich Mitleid aus, kann ich schwer effiziente Hilfe zur Selbsthilfe leisten, da ich nicht auf Augenhöhe mit meinem Gegenüber bin.

Mitgefühl bei der Arbeit mit Flüchtlingen

Begegnungen auf Augenhöhe sind für mich die wichtigste Basis der gesamten Flüchtlingsarbeit. Ich passe auf damit ich nicht mehr in die Mitleidsfalle tappe. Natürlich passiert mir das immer noch. Ich erinnere mich dann daran, dass mein Gegenüber nicht hilflos ist und genauso wie ich in der Lage ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Ich behandele die Flüchtlinge so wie ich auch behandelt werden möchte. Viele von ihnen sind unter schrecklichen Umständen geflohen und haben unglaubliche Abscheulichkeiten erlebt. Eine große Anzahl kämpft gegen Depressionen. Trotzdem sind sie ganz normale Menschen wie Du und ich und wollen auch so wahrgenommen werden.

Sie haben genauso viele Fehler, Vorurteile und Probleme wie wir. Und sie genießen es, genau wie wir, akzeptiert zu werden. Das Unterrichten und die vielen anderen Aktivitäten machen viel Spaß. Wir lachen viel und manchmal weinen wir auch gemeinsam.

Wir wraen 3 Jahre in der Erstaufnahme tätig. Die Freiwilligen, die bis zuletzt aktiv und motiviert waren, sind diejenigen, die ihre innere Einstellung, angepasst haben und aus Mitgefühl heraus arbeiten. Diejenigen, deren Erwartungen laufend enttäuscht wurden, waren schnell ausgebrannt und haben aufgehört.

Mitgefühl mit Menschen, die sich als Opfer fühlen

Wir waren sicher alle schon einmal in einer Situation, in der wir uns als Opfer gefühlt haben. In diesen Momenten haben wir keine Auswege gesehen und uns hilflos und ohnmächtig gefühlt. Manche Menschen erschaffen immer wieder unkomfortable Situationen. Hier kann man mit ehrlichem Mitgefühl sehr gut helfen.

Wie kann man Mitgefühl am besten ausdrücken?

Wichtig ist das Gegenüber wahrzunehmen. Oft hilft es einfach nur da zu sein. Wir können eine Zeitlang zuhören. Wir können unser Gegenüber berühren oder in den Arm nehmen. Ich rate jedem, in einer solchen Situation seinen Impulsen zu folgen und das zu tun, was für beide Parteien am besten passt. Dazu gehört auch, nur dann Ratschläge zu geben, wenn man danach gefragt wird.

Wenn wir um Rat gefragt werden, ist es wichtig positiv und unterstützend zu sein. Also nicht zu sagen: „Das hast Du falsch gemacht“ oder „Dieses oder jenes solltest Du auf keinen Fall tun“. Man könnte seine Sätze beginnen mit „Ich würde wahrscheinlich…“ oder „Vielleicht könntest Du … probieren“. Das zeigt Respekt und lässt dem anderen Raum.

Ganz wichtig ist zu versuchen keine Erwartungen an das Verhalten der anderen Person auszudrücken. In der Art von: „Jetzt musst Du aber endlich in die Puschen kommen!“ oder „Das war total daneben!“ Das ist natürlich viel leichter gesagt als getan! Schließlich wollen wir, dass es unserem Freund, Familienmitglied oder Kollegen schnell besser geht. Wir sind es gewohnt, in einer solchen Situation Erwartungen zu generieren und zu transportieren. Damit drücken wir aber kein echtes Mitgefühl aus, sondern machen die andere Person klein.

Erfahrung mit Mitgefühl in meiner Praxis

Mitgefühl ist ein grundlegendes Werkzeug meiner Arbeit. Ich bin seit über 10 Jahren als Heilpraktikerin tätig und arbeite mit Energie. Mit Empathie und Mitgefühl stelle ich eine Beziehung zu meinen Klienten her. Dabei hilft mir, dass ich Menschen mag.

Am Anfang meiner Tätigkeit hatte ich Angst davor mit chronisch oder schwer kranken Menschen zu arbeiten. Ich bin in die Mitleidsfalle getappt und habe meine eigenen Ängste auf sie projiziert. Ich habe diese Menschen damit als hilflos und nicht als gleichwertig wahrgenommen.

Eine Freundin von mir, die Krebs im Endstadium hatte, hat mir sehr geholfen dies zu überwinden. Sie ermutigte mich mit ihr zu arbeiten und ich konnte einige ihrer Symptome lindern. So durfte ich herausfinden, dass die Arbeit mit ihr genauso faszinierend und erfüllend für mich war, wie die mit anderen Klienten. Und dass sie genauso fähig war, wichtige Entscheidungen für sich zu treffen wie jeder andere.

Wegen dieser Erfahrungen falle ich jetzt nicht mehr so leicht in die Mitleidsfalle, wenn Klienten eine besonders schlimme Zeit durchmachen. Dadurch kann ich mich viel besser auf meine Aufgabe konzentrieren und sie konstruktiv unterstützen.

Wir müssen zuerst für uns selbst sorgen

Wenn man mit Mitgefühl anderen Menschen helfen will, ist es sehr wichtig die eigenen Grenzen im Blick zu behalten. Dabei ist es egal, ob man als Freiwilliger arbeitet, hauptberuflich im Gesundheitswesen tätig ist oder zu Hause ein Familienmitglied pflegt.

In dem Moment, in dem wir unsere eigenen Grenzen vergessen, erschaffen wir Probleme. Was passiert z.B. wenn wir zu lange den immer gleichen endlosen Klagen zuhören? Früher oder später haben wir so die Nase voll, dass wir dem anderen Menschen die Schuld daran geben, dass wir uns unwohl fühlen.

Dabei sind wir natürlich selbst verantwortlich für dieses Unwohlsein. Das ist nicht die Schuld unseres Gegenübers. Er drückt sich nur aus und es liegt in unserer Verantwortung uns ebenfalls auszudrücken. Wenn wir anfangen uns unwohl zu fühlen, sollten wir das Thema wechseln, weg gehen oder auf nette Art und Weise versuchen mitzuteilen, dass dieses Gespräch zu nichts führt.

Wir sind genauso wichtig  wie unser Gegenüber. Die Person, die am besten für uns sorgen kann, sind wir selbst. Nur wenn wir unsere eigenen Grenzen respektieren, sind wir in der Lage bei nächster Gelegenheit wieder für jemanden da zu sein.

Mitgefühl ist der Schlüssel zur Integration

In meiner Wahrnehmung hat sich in Deutschland seit der Flüchtlingskrise viel verändert. Ohne die vielen Helfer wäre unser Sozialsystem in die Knie gegangen. Ich war positiv überrascht: Ich hätte diese langfristige Hilfsbereitschaft uns Deutschen nicht zugetraut.

Die Erstaufnahme in meinem Stadtteil wurde Ende 2018 aufgelöst, die Container sind abgebaut und ein neues Wohngebiet entsteht. Wir stehen dann vor der nächsten riesigen Aufgabe: Der Integration. Integration wird am besten funktionieren, wenn wir weiterhin auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen arbeiten und unsere eigenen Grenzen dabei nicht aus den Augen verlieren.

Gemeinsam haben wir Deutschen ein neues Kapitel in unserer Geschichte aufgeschlagen, das Kapitel des Mitgefühls.

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© Inge Schumacher

Bilder: Pixabay und Privat, überarbeitet 27.12.21

© 2022 Inge Schumacher

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